Tupfen – Eine kleine Steinreise

Tupfen Eine klitzekleine Steinreise von Katharina Arnicke

„Wollt Ihr ihn wirklich nach Hause schicken, Meister?“ Der junge Mönch hielt den kahl geschorenen tätowierten Kopf gesenkt. „Ist er bereit?“

Der alte Mönch lächelte, während er das Subjekt ihres Gesprächs aus der Ferne musterte. Einen siebzehnjährigen Jungen mit dunklen Augen, schwarzen zotteligen Haaren und verschlossener Miene. „Ja.“

„Es waren schlimme Dinge, für die er herkommen musste. Hat er genügend gelernt? Möchte seine Familie, dass er zurückkehrt?“

Immer noch dieses wissende Lächeln im Gesicht des Älteren. Eines, das auch die Augen erreicht. „Ja. Und ja.“

Der Jüngere zweifelte immer noch. „Er erinnert sich an vieles nicht mehr. Auf seiner Heimreise können sich Situationen ergeben, bei denen er vielleicht rückfällig wird. Er lächelt nie. Er spricht nur, wenn er etwas gefragt wird. Er hält sich von den anderen Jungen fern, wann immer es ihm möglich ist. Das Einzige, das ihn interessiert, sind das Wetter, die Natur und die Steine.“

Das Lächeln wurde breiter und zog sich bis hinter die Ohren des alten Mönchs. „Ja. Die Steine. Sie haben Rahul viel gelehrt.
Er vertraut ihnen. Und sie werden ihn zurück zu seiner Familie bringen.“

Rahul hörte jedes Wort.
Er ließ sich nichts anmerken, hielt den Kopf gesenkt und konzentrierte sich wieder auf das Schleifen eines Edelsteines.
Nach Hause … ist das gut oder schlecht?

Doch erst am nächsten Morgen nach dem Frühstück rief der alte Meister ihn zu sich. „Es wird Zeit, dass du zurückgehst. Zurück zu deiner Familie, zurück in deine alte Heimat, Rahul.“

Der Junge hob unvermittelt den Kopf und sah dem Mönch direkt in die Augen. Aber er sagte nichts.

„Erinnerst du dich an den Namen des Ortes?“

Rahul dachte kurz nach, ehe er langsam den Kopf schüttelte.

Der alte Meister lächelte leicht. „Dann ist er in deinem Gedächtnis ebenso ausgelöscht wie andere Begebenheiten deiner Vergangenheit. Das macht nichts. Du wirst deinen Weg finden, du bekommst die Mittel dazu.“ Er wandte sich um und wies auf den Tisch. „Hier ist Reisekleidung für dich. Und dort in dem Rucksack ist Nahrung für deinen Körper.
Brot, Wasser, getrocknete Früchte, Kräuter für Tee, eine warme Decke, eine Zeltplane. Streichhölzer, Kerzen, ein Taschenmesser. Das muss reichen. Kein Zelt, keine Taschenlampe, kein Gaskocher. Die Reise heimwärts wird keine leichte. Du musst sie allein schaffen. Du hast gelernt, mit wenig auszukommen. Und ich vertraue dir. Du wirst nichts stehlen, was dir vermeintlich fehlt.“

Für einen Augenblick herrschte Stille. Rahul zeigte nicht die geringste Reaktion auf die Anspielung, die seine Vergangenheit betraf. Weder verneinte er noch bestätigte er die Hoffnung des Meisters. Seine klaren dunklen Augen versanken in denen des Älteren.

„Aber das Wichtigste“, der Mönch wandte sich um und nahm etwas vom Tisch, „das Wichtigste ist hier.“ Er reichte seinem Schüler ein kleines Ledersäckchen.

Als der Junge es in beide Hände nahm, tauchte etwas in seinen Mundwinkeln auf, das durchaus als winzige Andeutung eines Lächelns gelten konnte. Er spürte, was sich in dem Beutel befand – besondere Steine.

„Es sind neun Freunde von dir, mein Kind. Und jeder von ihnen hat eine Aufgabe. Merke dir meine Worte, dann wirst du wissen, wann es Zeit für welchen von ihnen ist.“

Rahul richtete seinen Blick schweigend, aber aufmerksam auf den alten Mönch.

„Der Erste, mein Junge, ist deine Landkarte. Der Zweite ist dein Schild. Der Dritte schützt dich vor dir selbst und der Vierte ist dein Kompass. Der Fünfte und Sechste sind deine Kraft und dein Atem. Der Siebte ist dein Licht und deine Wirbelsäule, der Achte ernährt dich. Der Neunte ist dein Auge.“

Rahul verstand. Drückte das Beutelchen fest an seine Brust.

„Es ist ein Weg zurück nach Hause. Aber es liegt an dir, aus ihm einen Weg zu machen, der nicht zurück in dein altes Leben führt, sondern nach vorne.“

Dieses Mal nickte Rahul zweimal. Auch jetzt war ihm bewusst, was der alte Meister ihm damit zu verstehen gab. Zurück nach Hause, vorwärts im Leben.

„Ich liege richtig damit, dass du dich von niemandem hier verabschieden willst?“

Wieder nickte der Junge, während er tief durchatmete. Aber seine dunklen Augen blitzten auf. Er hatte die Herausforderung, die vor ihm lag, längst angenommen.
Für die Reise, für sein Leben.
Schließlich verbeugte Rahul sich zum Dank. Als er sich wieder aufrichtete, lächelte er tatsächlich.

Der Meister neigte kurz zur Antwort den Kopf. „Beim nächsten Gongschlag öffnet sich für dich das Hoftor. Lebe wohl und sicher.“ Er verließ den Raum.

Das isolierte Kloster in den Bergen.
Morgens umgeben von Nebel, immer dem Wind und der Sonne ausgesetzt, hell gewaschen vom Regen und den Stürmen und kaum zu erkennen zwischen den mächtigen grauen Felsen.
Rahul, ein Stück abwärts gegangen, wandte sich noch einmal um und sah nachdenklich zu der schützenden Festung hinauf. Der Wind fuhr durch seine dunklen Strähnen, zerrte an seinem Mantel. Eine Hand legte sich um das Beutelchen in seiner Hosentasche. Es fühlte sich gut an, von hier wegzugehen und sie dabei zu haben. Neun seiner Freunde.
Echte Freunde.
Rahul holte tief Luft und schob einen Rucksackriemen zurück auf die Schulter.
Sieben Jahre hatte er hier verbracht.

Dieser ungewöhnliche Ort für Jungen wie ihn hatte ihm mehr vermittelt, als es die städtischen Besserungsanstalten vermochten, in denen viele seiner ehemaligen Kumpane gelandet waren.
An die meisten von ihnen erinnerte er sich nicht.
Nach Hause … wissen sie Bescheid? Wollen sie mich wirklich wiederhaben? Meine Geschwister, die mich verachteten? Mein Vater, der ständig wütend auf mich war? Meine Mutter, die meinetwegen so oft weinend und mit verquollenen Augen umherlief?
Rahul rieb sich nachdenklich die Nasenspitze.
Aber ich möchte sie wiederhaben. Und vielleicht werden sie den neuen Rahul mögen.
Er grinste schief, als er seinen Weg fortsetzte, bergab über das Geröll.
Mutter jedenfalls ganz sicher. Nach vorne und zurück.
Gleichzeitig.

Bei Einbruch der Dunkelheit erreichte er ein Wäldchen. Rahul beschloss, die Nacht dort zu verbringen.

Er sammelte Holz, entzündete ein kleines Feuer, spannte die Plane zwischen drei Bäumen zur Überdachung und rollte die warme Decke auseinander. Anschließend kochte er sich einen Tee und aß langsam. Er genoss diese Mahlzeit unter freiem Himmel und hing seinen Gedanken nach.
Die Worte des alten Meisters tanzten durch seinen Kopf.
„Der Erste ist deine Landkarte. Der Zweite ist dein Schild. Der Dritte schützt dich vor dir selbst und der Vierte ist dein Kompass. Der Fünfte und Sechste sind deine Kraft und dein Atem. Der Siebte ist dein Licht und deine Wirbelsäule, der Achte ernährt dich. Der Neunte ist dein Auge.“
Rahul zog das Lederbeutelchen mit den Steinen aus seiner Hosentasche und leerte es vorsichtig auf die Decke.
Neun besondere Steine lagen dort.
Er verteilte sie, nahm jeden von ihnen in die Hand und begrüßte sie.
Dankte ihnen für ihre Begleitung und musterte sie eingehend.
Ein schwarzer Stein, geformt wie ein großer Teertropfen, war an einem Lederband befestigt.
Rahul neigte den Kopf und grinste ein wenig. „Du bist der Zweite. Mein Schild. Der schwarze Turmalin schützt mich vor bösen Einflüssen.

Vor negativen Gedanken und Wünschen. Vor Dingen von Fremden, die mich vielleicht daran hindern wollen, nach Hause zurückzukehren. Dich werde ich mir morgen um den Hals hängen, wenn ich weiter gehe.“ Sein Blick wanderte über die anderen Steine. Nachdenklich blies er sich eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn.
„Und du … du musst meine Landkarte sein.“ Er sprach mit einem polierten Stein in sattem Dunkelgrün mit etwas helleren Bändern. Ein schöner Malachit. „Du wirst mir beim Meditieren und Träumen die nötigen Hinweise geben, die ich brauche, um mich an das Haus meiner Eltern zu erinnern und meine Heimat zu erkennen. An Einzelheiten auf der Reise zum Kloster vor sieben Jahren, um den Weg nach Hause zu finden. An Details aus meinen Träumen. Viele meiner Erinnerungen sind verschüttet, aber mein Unterbewusstsein hat sie gespeichert.“ Rahul nahm den Stein in die Hand. „Schenke mir Träume, die mir helfen. Und du“, er wählte einen weiteren Stein, in dem ein helles Gelb sich in ein dunkles Rosa ergoss, ein kleiner Ametrin, „hilfst ihm und mir dabei. Sorgst dafür, dass ich erkenne, was ich im Traum sah. Du bist mein Auge. Ihr vertragt euch doch, hm?“

Vorsichtig legte er die anderen Steine zurück in das Beutelchen. „Gute Nacht, Welt. Ich gehe träumen.“

Rahul war klein, vielleicht acht Jahre alt.
Er lief die Dorfstraße hinunter, laut lachend.
In einer Hand hielt er einen Gettoblaster, einen tragbaren Audio-Player mit Radio und CD-Laufwerk.

Ihm folgte, laut schreiend, ein Knabe im gleichen Alter. „Gib ihn zurück! Der gehört mir! Rahul!“

„Jetzt gehört er mir! Whou!“ Mit einem Satz sprang Rahul über eine Mauer aus roten und gelben Ziegeln. Sie flankierte einen großen Teil der Hauptstraße durch den Ort, trennte Weideland von Autos, Fußgängern und Radfahrern. Eine lange rotgelbe Schlange, so markant, dass sie dem Dorf den Beinamen „Tupfen“ eingebracht hatte.

Der Junge, den er bestohlen hatte, folgte ihm. Schaffte den Satz über die Mauer nicht, stürzte kopfüber auf die Straße und blieb liegen.
Rahul kümmerte das nicht, er lief mit seiner Beute weiter.

Als er aus diesem Traum erwachte, saß er eine Weile benommen da.
Was war damals mit dem Jungen geschehen, der gestürzt war?
„Ich glaub, er war in der Ambulanz, wenn ich mich richtig erinnere.“
Und der Gettoblaster?
Hatte beim Hehler ein paar Mäuse gebracht, ein bisschen Geld.
Rahul rieb sich die Stirn und starrte dann den Malachit an, der neben ihm auf der Decke lag.
„Ich weiß, ich habe eine Menge Mist gebaut. Machst du mir Vorwürfe? Zeigst du mir deshalb diese Erinnerung? Oder was willst du mir damit sagen?“
Mit gerunzelter Stirn sah er auf die andere Seite seines Lagers. Dort lag der Ametrit. Eine ganze Weile dachte er nach, nahm beide Steine in jeweils eine Hand, fühlte nach, überlegte.
„Es geht nicht um das, was ich getan habe … es geht um die Mauer, stimmt’s?“
Er biss sich auf die Unterlippe. „Sie war einzigartig in der Gegend. Tupfen mit der gelbroten Mauer – da muss ich hin.

Das ist mein Heimatdorf. Selbst, wenn die Mauer nicht mehr stehen sollte oder jetzt anders aussieht, werden sich Menschen an sie erinnern. Ich danke euch.“ Er packte die Steine zu den anderen in das Ledersäckchen, gönnte sich ein kleines Frühstück und packte dann zusammen.
„Weiter geht’s! Mal sehen, was ich in der nächsten Nacht träume.“
Er angelte den Turmalin mit dem Lederband aus dem Beutel und hängte ihn sich um den Hals.
Doch dann hielt er inne.
Der Vierte ist dein Kompass.
Rahul nahm einen blassrosa Klumpen aus der Sammlung seiner Steinfreunde und lächelte leicht. „Aaah, ich weiß, was der Meister meint. Wenn du Liebe suchst, nimm einen Rosenquarz. Er findet sie. Führt dich zu ihr. Das hat er mich gelehrt. Und ich liebe meine Familie. Glaube ich. Hoffentlich sie mich auch noch.“

Mit dem Rucksack auf den Schultern und dem Rosenquarz in der Hand verließ er das Wäldchen und folgte der schmalen Straße. „Ich hoffe, es sind genügend gute Gefühle für deine Aufgabe da.

Zeige mir die Richtung, mein rosenfarbener Kumpel. Zeige mir den Ort, an dem ihre Liebe ist und wohin meine mich bringen soll.“

Es regnete.
Nein, es schüttete aus Kübeln.
In wenigen Minuten war Rahul bis auf die Haut durchnässt. Auch sein Rucksack triefte. Aber der war wenigstens wasserfest. Im Gegensatz zu ihm und seinen Schuhen.

„Scheiße!“

Er überlegte, ob er Schutz suchen sollte. Aber irgendetwas trieb ihn an und wollte nicht, dass er eine Pause einlegte.
Der Rosenquarz in seiner Hand?
Hm … Rahul runzelte die Stirn und schüttelte leicht den Kopf.
Nein … den Druck übten zwei andere Steine aus.
Mit einem amüsierten Schmunzeln öffnete er das Beutelchen, während das Wasser aus seinen Haaren über sein Gesicht rann. Suchte einen goldbraunen und einen hellgrünen Stein heraus und drückte sie kurz. Der fünfte und sechste sind deine Kraft und dein Atem. „Bernstein und Jade … schützen meine Energie und machen mir Mut. Okay, dann also weiter. Es wird auch irgendwann wieder aufhören zu regnen.“

Er küsste die beiden Steine, packte sie zurück in das Säckchen und marschierte weiter, den Rosenquarz in der Hand, den Turmalin auf seiner Brust.

Nach weiteren Stunden gelangte er an eine Kreuzung. Die Straße führte in drei verschiedene Richtungen weiter.
Welche sollte er nehmen?
„Hm …“, er drückte den Rosenquarz.
Blickte einmal ringsum.
Sein Bauchgefühl zog ihn nach links.
Der Stein wollte das offensichtlich auch.
„Dann nach links. Irgendwo werde ich mein Tupfen schon finden.“

Rahul wanderte mehrere Tage.
Einmal hielt ein Autofahrer an und fragte ihn, ob er ihn ein Stück mitnehmen solle. Rahul nahm dankend an.
Die Nächte verbrachte er in einem leer stehenden Schuppen, in einer heruntergekommenen Garage, unter einem dichten Busch und eine weitere Nacht in einem verwilderten Garten.

Jede Nacht schlief er mit dem Ametrin und dem Malachit neben sich.
Träumte von Erinnerungen.
Von dem Tag, an dem er zum ersten Mal einen Jungen so verprügelte, dass der ins Krankenhaus musste. Das war direkt vor dem Versammlungshaus seines Dorfes geschehen. Ein kleiner Bau, einfach gehalten mit hellen braunen Ziegeln, einer dunklen Holztür und versehen mit schmalen Fenstern.
Rahul sah auch deutlich das Tor zum angrenzenden Garten in seinem Traum. Und das trug ein besonderes Merkmal. Auf dem schmiedeeisernen Torbogen saßen zwei Rabenfiguren. Es war der Garten eines reichen Mannes gewesen. Ein Mann, dessen Sohn er nicht hatte ausstehen können, obwohl es Rahuls Familie auch nicht schlecht ging.

In einer anderen Nacht träumte er von einer Messerstecherei, bei der er selbst sich einen Rucksack mit Beutegut geschnappt und davongelaufen war.
Markant war die riesige mehrstämmige Banyan-Feige, ein Baum so groß gewachsen, das eine Lücke zwischen seinen Stämmen als Eingang zum Festplatz genutzt wurde.

Und in der dritten Nacht träumte er davon, als der Arzt ihn mit Beruhigungsmitteln vollpumpte, die Mönche ihn abholten und seine Mutter weinend in der Tür stand.
Das einzige Detail zum Ort, das ihm von diesem Traum blieb, war die kleine Statue einer Kuh, neben der sein Vater mit finsterer Miene gestanden und mürrisch gesagt hatte: „Ein Kloster ist besser als ein Gefängnis.“
Neben seinem Zuhause stand also eine Kuh aus Stein.

In der vierten Nacht träumte er von seiner Verhaftung, nachdem einer seiner Kumpane mit aufgeschlitztem Bauch aufgefunden worden war.
Rahul wachte im Morgengrauen schweißgebadet auf.
Sein Vater und seine Geschwister waren mächtig wütend auf ihn gewesen.
Die Schande, was die Nachbarn sagten, der Schmerz, den er seiner Mutter zufügte, der Schaden, den er durch seine Diebstähle angerichtet hatte, die Verletzungen, die er anderen immer wieder zufügte, die kriminellen Dinge, in die er verwickelt gewesen war.
Aggressiv und schwer erziehbar, hieß es seitens der Fürsorge.
Nicht ausgelastet und zu viel Energie, sagte der Arzt.
Kriminelle Ader und gewalttätig, sagte der Polizist.
Fehlende Anleitung und Führung, sagte sein Lehrer.
Rahul schämte sich mal wieder.
Er hatte in den sieben Jahren im Kloster über vieles nachgedacht, an das er sich erinnern konnte. Vieles bereut, mit den Mönchen besprochen und war fest entschlossen, nicht wieder so leben zu wollen.
Wollte Freunde haben, keine Bandenmitglieder, die ihn fürchteten oder die er selbst fürchten musste.
Wollte etwas lernen und auf legale Art Geld verdienen.
Nie mehr jemanden verletzen, um zu zeigen, dass er der Stärkere war.
Und er wollte zurück zu seiner Familie.
Der Rosenquarz stärkte sein Bauchgefühl.
Und der Fluss wies ihm den Weg, der Fluss, den auch der Malachit in jedem Traum erscheinen ließ. Der Fluss, der immer wieder zwischendurch in den Traumbildern auftauchte.
Rahul konnte ihn riechen, wenn er die Augen schloss.

Schließlich hörte er das Wasser schon, bevor er es sah.
Der Fluss, der durch viele Dörfer führte und auch an seinem vorbei, an Tupfen.
„Flussauf- oder flussabwärts?“
Er versuchte, sich daran zu erinnern, wie der Fluss im Traum geflossen war, als die Mönche ihn mitgenommen hatten. Kurzerhand holte er den Ametrin aus dem Beutelchen, legte den Kopf in den Nacken und den Stein auf die Stirn. Dann schloss er die Augen.
Und lächelte leicht.
„Gegen die Strömung. Danke, Stein.“

Die Sonne stand hoch, es war Mittag.
Rahul beschloss, am Ufer Rast einzulegen und etwas zu essen.
Er packte ein Stück vom restlichen Brot aus, stellte eine Wasserflasche daneben und aß langsam und nachdenklich.
Was seine Geschwister inzwischen so taten?
Seine beiden Schwestern waren bestimmt schon verheiratet. Oder von zu Hause ausgezogen, um zu studieren.
Sein Bruder musste mit seiner Lehre bereits fertig sein.
Ob seine Großeltern noch lebten?
Rahul nahm den Rosenquarz in die Hand und drückte ihn fest.
Steckte ihn zurück in die Hosentasche und wollte gerade einen Schluck trinken.
Plötzlich bekam er einen Schlag auf den Kopf.
Alles wurde dunkel.

Stöhnend kam Rahul zu sich.
Sein Kopf dröhnte und schmerzte, Blut schmierte sich an seine Finger, als er die Wunde betastete.
Dann bemerkte er, dass sein Rucksack fehlte.
Und die Nahrung, die er eben noch vor sich liegen hatte.

„Scheiße!“ Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte er sich auf die Füße.
Und sah jemanden weit hinten auf der Straße laufen.
Mit seinem Rucksack.
Rahul musste nur kurz bewusstlos gewesen sein.
„HEY, DU MISTKERL! Dir verpasse ich ‘ne Abreibung, die sich gewaschen hat!“
Fluchend lief er los, wollte hinterher.
Aber während der Dieb einen Vorsprung hatte und sich offensichtlich bester Gesundheit erfreute, schoss ein blitzartiger Schmerz durch seinen Kopf. Übelkeit stieg auf. Rahul verlor das Gleichgewicht und stolperte über einen angeschwemmten Ast. Längs schlug er hin.
In seinem Kopf ging ein Feuerwerk hoch.
Er stöhnte und presste die Handflächen an die Schläfen.
Nein, nach dem Schlag auf den Schädel war das eine dämliche Idee, jemanden verfolgen zu wollen!

Stöhnend setzte er sich auf und vergrub den schmerzenden Kopf in den Händen. Dann fiel ihm etwas ein. Panisch tastete er nach dem Steinebeutel in seiner Hosentasche – und umfasste ihn erleichtert.
Wenigstens sie waren noch da!
Nur … was sollte er jetzt machen?
Ohne Nahrung und Wasser, ohne Decke und Zeltplane, ohne Feuer, Taschenmesser und Tee?
„Was sagt ihr denn zu diesem Bockmist?“
Er leerte die Steine vor sich in den Sand und betrachtete sie seufzend. „Habt ihr eine Idee? Ah, am liebsten möchte ich ihn vermöbeln! Wie soll ich denn weiterreisen ohne meine Ausrüstung? HÄ?“ Finster starrte er auf den Fluss. „Hoffentlich ersäuft der Kerl!“
Ein kleiner gelbgrüner klarer Kristall schien seinen Blick anzuziehen. Ein Peridot.
Der Dritte schützt dich vor dir selbst.
Rahul atmete ganz tief ein, hielt für einige Sekunden die Luft an und lies sie dann langsam durch die Nase entweichen. Er nahm den Stein in die Hand.
„Du hast recht … meine Wut verschwendet wertvolle Energie. Ich kann die Situation nicht ändern. Also muss ich mich darauf konzentrieren, was ich jetzt tue. Und wie.“ Er legte ihn zurück zu den anderen.
Und entdeckte einen weiteren sehr kleinen, glattpolierten Stein, vom Umfang her nur so groß wie sein Daumennagel, leicht transparent, orange und rotbraun schillernd.
Ein Sonnenstein.
Der Siebte ist dein Licht und deine Wirbelsäule.
Rahul wusste sofort, was er von ihm wollte.
„Ich soll also weitergehen? Nicht drum heulen, was mir gerade passiert ist?“ Er schnaubte. „Na, wirklich viel anderes bleibt mir ja nicht übrig.

Vielleicht nimmt mich noch mal ein Autofahrer mit.“
Seine Augen hefteten sich auf den Stein neben dem Sonnenstein.
Klein, kantig wie eine abgebrochene Spitze, rauchiges Graubraun mit hellen gelben Flächen an den Bruchrändern.
Rahuls Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
„Du bist ein Zitrin … du ernährst mich. Ist es deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ich auch ohne mein Gepäck nach Hause komme? Ich lasse mich überraschen.“
Er seufzte lang und ausgiebig.
„Also gut, meine Freunde. Runterkommen, nach vorne schauen. Weiter geht’s.“
Er verstaute die Steine wieder in seiner Hosentasche und folgte, zwar langsamer und mit Kopfschmerzen, aber wieder entschlossen, dem Flusslauf.

Er wanderte Stunde um Stunde, durchquerte die ersten Dörfer.
Einmal fragte er nach Wasser, aber der Mann schlug ihm die Tür vor der Nase zu. So marschierte Rahul weiter.
Und die Sonne brannte immer noch unerbittlich.
„Wenn ich Feuer hätte, könnte ich Flusswasser abkochen. So darf ich das nicht trinken. Möchte gar nicht wissen, was da drinnen herumschwimmt. Hunger habe ich auch.“
Seine Laune sank mit jedem weiteren Kilometer.
Doch die Steine in seiner Hosentasche, in seiner Hand und auf der Brust trieben ihn vorwärts.
„Ja, ich gehe ja weiter. Will ich ja eigentlich auch. Aber – okay, ich bin schon ruhig!“

Die Kopfschmerzen verschlimmerten sich, die Zunge klebte in seiner trockenen Mundhöhle.
„Wenn nicht bald ein Wunder geschieht, ende ich als verdorrtes Skelett an einem Fluss voller Wasser!“
Er blieb stehen, beugte sich vornüber und stützte die Hände auf die Oberschenkel.
Da hörte er einen Motor.
Ein Auto.
Kam von hinten und fuhr offenbar in die Richtung, in die er auch wollte.
Rahul sah nicht auf, als es neben ihm anhielt.
Dann eine Stimme: „Soll ich dich ein Stück mitnehmen, Junge? Du siehst müde aus.“

Beinahe hätte Rahul vor Erleichterung geweint. „Gerne. Danke!“

Der Mann erzählte von seiner Familie und dass er auch einen Sohn in Rahuls Alter hatte. Als er erfuhr, dass der Junge auf dem Weg nach Hause war, reichte der Fahrer ihm Feigen, Brot und Wasser und gab dabei lustige Geschichten und Anekdoten seiner Kinder zum Besten.

Rahul war erschöpft und völlig fertig, wollte aber nicht unhöflich sein. Die Kopfschmerzen hatten sich etwas gebessert, das Geplapper des Mannes ging ihm trotzdem auf die Nerven. Dagegen muss ich etwas tun. Es ist dem Mann gegenüber nicht fair. So kramte er in seinem Beutelchen nach einem ganz bestimmten Stein, legte ihn auf seine Handfläche und nahm das Gefühl dieses kleinen Kerls in sich auf.

„Was ist das?“, fragte der Mann, als er den gelbgrünen Kristall entdeckte.

„Ein Peridot“, erwiderte der Junge bereitwillig. „Er besänftigt. Zügelt üble Gefühle wie Zorn oder Ungeduld.“

„Er sieht hübsch aus. Wirst du ihn deiner Mutter schenken?“

Jetzt lächelte Rahul. „Wenn sie ihn möchte – klar.“

„Wo leben denn deine Eltern? Haha, in meinem Dorf gibt es eine verrückte Mauer, vielleicht hast du schon von ihr gehört. Sie ist aus gelben und roten Ziegeln gebaut und führt beinahe die ganze Dorfstraße entlang. Wo genau bist du denn zu Hause? Wenn es nicht zu weit weg ist, kann ich dich hinbringen. Wie heißt der Ort?“

Rahul begann, lautstark und heiser zu lachen.
Vor Erleichterung, vor Dankbarkeit für diesen Mann und wegen der Anspannung, seiner Familie gegenüberzutreten.
Er lachte aus vollstem Herzen und konnte kaum sprechen.
Aber ein Wort brachte er halbwegs verständlich heraus:
„Tupfen!

Ende

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