Kurzgeschichten

Ein rosa Lichtfunke stellt ein ganzes Leben auf den Kopf

Ein rosa Lichtfunke stellt ein ganzes Leben auf den Kopf

Ich heiße Anni, bin 25 Jahre alt und unsterblich verliebt! Und zwar in meine Tochter Mia, die seit 2 Stunden friedlich schlafend an meiner Brust liegt. Unsere erste Begegnung fand allerdings schon viel früher statt.

Alles begann vor einem Jahr. Zu der Zeit kellnerte ich in einem Café an der Elbe. Mein Leben bestand aus Partys feiern, Dates mit Männern und Arbeiten bis zum Umfallen. Bis zu dem Tag, der meinen gesamten Lebensentwurf ins Wanken brachte. Mit einem Mal tauchten Bilder in mir auf, die mir fremd waren. Ich sah mich als Schwangere mit einem wunderschönen runden Bauch, als Mama mit einem Kinderwagen oder mit meinem Baby auf dem Arm. Mein Verstand rebellierte – die Gefühle von Liebe und Nähe machten mir Angst. Gleichzeitig wuchs eine Sehnsucht in mir: jemanden lieben, ihn überschütten mit Liebe. Jeden Tag wurden die Bilder intensiver, ich blieb an Kinderspielplätzen stehen und schaute schwangeren Frauen nach.

Ich konnte mir nicht erklären, was mit mir los war. Meine Verwirrung wurde noch größer, als ich eine Entdeckung machte: Ein rosa Licht tanzte vor meinem Herzen. Und ich hatte das Gefühl, dass es mir etwas sagen wollte. Obwohl ich noch keine Mutter war, spürte ich eine unglaubliche Liebe für dieses Licht – Mutterliebe. Mein Herz pochte wild und ich hatte nur noch einen Wunsch: Ich wollte diesem Licht ganz nahe sein.

Umso mehr ich die Verbindung zuließ, umso häufiger zeigte sich das rosa Licht. Manchmal in der Nacht kitzelte es mein Herz und vor Aufregung blieb ich wach und starrte in die Dunkelheit. Was geschah da gerade mit mir, konnte ich übersinnliche Dinge wahrnehmen, waren sie echt oder nur geträumt?

Ich war mir selbst fremd und gleichzeitig nahm ich eine kindliche Leichtigkeit in mir wahr, die ich so noch gar nicht von mir kannte. Die immer wiederkommenden, feinen, Berührungen erweckten endgültig den Wunsch in mir: Ich wollte Mama werden! Ein kleines Mädchen sah ich vor meinen Augen, welches zart in meinem Leben anklopfte. Ich nannte sie Mia.

 

Doch obwohl sie mich mit ihrem rosa Licht immer mehr verzauberte – sie passte so gar nicht in mein chaotisches Leben. In ihm war kein Platz für niemanden und erst recht nicht für eine längere Beziehung. An einem Sonntag, wie vom Himmel geschickt, saß er dann da in seinem bunten Blumenhemd und einer ausgewaschenen Jeans, zwischen all den Touristen, und wirkte völlig fehl am Platz. Braungebrannt und sein Haar war zerzaust vom Wind, vielleicht ein Surfer? Mit dieser Annahme lag ich allerdings völlig falsch, wie sich später herausstellte. Ich konnte ihn von der Getränkeausgabe aus heimlich beobachten und als ich ihm seinen Apfelkuchen mit Sahne servierte, sah ich die kleinen Sommersprossen auf seiner Nase und an seinen Armen. Ich verliebte mich sofort in Kai, den zukünftigen Papa meines Kindes.

Er kam nun häufiger, immer alleine, und ich fragte mich, was er suchte. Er schaute in die Ferne, träumte vor sich hin und war mir ein Rätsel. Manchmal schaute er auf und lächelte, ein wenig jungenhaft und ungemein sexy. War das Lächeln vielleicht für mich bestimmt? Ab und zu wechselten wir ein paar Worte. Ich mochte seine Stimme, sie hatte einen warmen Klang und berührte mein Herz. Dann gab es diese Geburtstagsparty des Caféinhabers. Glücklicherweise hatte ich an diesem Abend frei, war als Gast dort und trug mein pinkfarbenes, rückenfreies Lieblingskleid.

Ich entdeckte ihn schon von weitem und er verzauberte mich mit seinem lässigen Auftritt. Mit Sicherheit von den Engeln arrangiert, liefen wir uns direkt in die Arme und ließen uns nicht mehr los. Unter dem Sternenhimmel küssten wir uns das erste Mal und sprachen Stunden miteinander, als ob wir uns schon ein Leben lang kennen würden. Ich bin mich sicher: Mia schaute uns damals freudig aus dem Himmel zu. Wir wurden sofort ein Paar! Völlig verschieden – ich, die flippige Grafikerin, und Kai, der erfolgreiche Architekt mit einem geregelten Leben, welches nicht viel Platz für Überraschungen bot. Komischerweise spürte ich das rosa Licht nicht mehr und dachte auch nicht mehr an mein kleines Mädchen.

Einige Wochen später planten wir unseren gemeinsamen Urlaub: einen Skiurlaub in den Bergen zu Silvester. Ich fühlte mich wie im siebten Himmel und versank in meiner rosaroten Romanze mit Kai – blind für die Realität. An Weihnachten war es soweit, wir fuhren in die Berge und schneiten fast ein in unserem kleinen Bergdorf. Der Schnee glitzerte in der Sonne und oben auf den Bergen, ich hatte mich dem Himmel noch nie näher gefühlt. Kitschig wie in einem Liebesfilm war es, als wir Silvester liebestrunken im Schnee mit Sekt anstießen. Um mich herum strahlte alles in einem goldenen Licht, ich badete darin und war glücklich. Da war es auf einmal wieder, das tanzende Licht, und dieses Mal rutschte es aus dem Himmel auf die Erde. Es landete mitten im Leben von Kai und mir. Ich spürte es sofort – ein Windhauch, der durch den ganzen Körper zog. Ab diesem Moment wusste ich: Mia ist da. Ich bin schwanger!

Leider war Kai gar nicht begeistert, sondern schockiert. Er wollte unser Kind nicht haben. Wahrscheinlich aus Angst, denn sein Leben würde sich mit Kind radikal verändern.

„Die Freiheit wäre mit einem Mal weg“, sagte er zu mir. Schon alleine der Gedanke, dass Mia nicht auf die Welt kommen sollte, ließ mich zur Löwin werden. Nie verschwendete ich auch nur einen Gedanken daran, sie nicht zu bekommen. Ganz im Gegenteil, ich wurde immer stärker und selbstbewusster. Eines Nachts, nach einer endlosen Diskussion über eine Abtreibung, packte ich meine Sachen und verließ Kai.

Eine Entscheidung, die mein Leben veränderte. Keine Karriere in einer angesagten Werbeagentur und rauschende Partys mehr, keine wechselnden Männerbekanntschaften, kein Alkohol, sondern ein immer stärker wachsender Bauch, gesundes Essen, Atemübungen und ein Schwangerschaftskurs mit Müttern, die alle von ihrem Mann begleitet wurden.

Mein Verstand schrie: Das schaffst du nie. Mein Herz jedoch wurde immer größer, meine Liebe wuchs mit Mia gemeinsam und überraschte mich selbst. Ich lächelte in den Spiegel, wie ich es vorher nie getan hatte. Ich war glücklich ohne Mann, nur mit mir selbst. In all den Jahren war ich auf der Suche nach Liebe gewesen und in nur wenigen Wochen hatte dieser rosa Lichtfunke meinem Leben einen neuen Sinn gegeben – meinen Körper mit Liebe gefüllt.

Wir beiden wurden ein Team, welches sich auch ohne Worte verstand. Die Kinderseele lehrte mich, auf meinen Körper zu hören und den Himmelsbotschaften zu vertrauen. Den Kontakt zu Engeln, den ich als Kind immer gehabt hatte, war in meinem hektischen Großstadtleben verlorengegangen. Nun fand ich zur Ruhe, wurde immer leiser und konnte ihren Stimmen wieder lauschen. Manchmal spürte ich, wie sie ihre Flügel bewegten und Energiewellen durch den Raum zogen. Ich lächelte und erzählte Mia, dass die Engel gerade für uns tanzen würden. Ich konnte zwar nicht ihre Gestalten erkennen, trotzdem war ich mir sicher, dass sie da waren. Die Engel und Mia gaben mir die Kraft, mein Leben umzukrempeln und völlig neue Werte zu entdecken. Ohne sie hätte ich nie die Power in der Schwangerschaft gehabt und diese Bärenkräfte entwickelt.

Die kostbarsten Momente waren jedoch die Gespräche mit Mia, die ich jeden Morgen und Abend mit ihr führte. Die erste Zeit waren es nur einzelne Worte, doch mit der Zeit verstand ich ihre Sprache – die Herzenssprache – immer besser. Ich fing an, ihr Briefe mit der rechten Hand zu schreiben und ließ sie mit der linken Hand antworten. Oh, welch zauberhaften Briefwechsel wir hatten. Sie beschrieb mir die Seelenwelt, die ich bisher noch nicht kannte. Sie erzählte mir, dass sie mehrmals am Tag aus meinem Unterleib in den Himmel reiste. Dort oben wohnen ihre Seelenschwestern, mit denen sie spielen konnte. In den Armen der göttlichen Mutter hatte sie immer die Möglichkeit, sich auszuruhen. Manchmal war sie auch so müde, dass sie vergaß wieder auf die Erde zu kommen und einschlief. Die Himmelsmutter musste sie dann wecken und Mia machte sich erneut auf den Weg auf die Erde und zog wieder in meine Gebärmutter ein.

Am Anfang machte es mir Angst, wenn Mia so lange auf Reisen war. Vielleicht würde sie sich irgendwann dazu entscheiden, nicht mehr wiederzukommen? Allerdings war das innere Band so stark zwischen uns, das war gar nicht zu trennen.

Ich stellte Mia die Frage, warum sie sich gerade diesen Papa ausgesucht hatte, der nun gar nicht bei uns sein mochte. Ihre Antwort: „Ich wollte nicht länger warten und er war genau der Richtige, mit dem du wachsen konntest. Du bist groß geworden und hast deinen spirituellen Weg gefunden. Die inneren Dialoge hätten wir sonst nie geführt. Ein neuer Papa kommt bestimmt und über dein Herz wirst du ihn finden.“

Mia wurde größer und größer und voller Stolz ging ich mit meiner Babykugel durchs Leben. Ich verzichtete auf Ultraschalluntersuchungen, weil ich durch unsere inneren Gespräche das völlige Vertrauen hatte, dass es Mia gutging. Sonst würde ich das spüren – davon war ich überzeugt. Außerdem stellte ich fest, dass ihr Seelenlicht immer mächtiger wurde. In Momenten starker Verbundenheit dehnte Mia ihr Licht weit über meinem Bauch aus. Dann hatte es den Anschein, als ob die Sonne ins Fenster scheinen würde, dabei regnete es aber draußen gerade. Auch in meinen Meditationen, die ich nun immer häufiger machte, stellte ich mit einem Mal fest, dass ein rosagoldenes Licht aus mir herausströmte und sich spielend leicht im Raum verteilte. Momente einer tiefen Verbundenheit mit meinem Kind, die ich nie vergessen werde.

Meine Freundschaften veränderten sich, viele konnten mit meinem neuen Leben nichts anfangen und zogen sich zurück. Auch die Männer nahmen Abstand: Ihnen machte ich Angst, war auf der einen Seite so stark und auf der anderen Seite zart und verletzlich. Und Kai? Er wollte die Vaterschaft nicht anerkennen und radierte uns einfach aus seinem Leben. Dafür lernte ich Anja kennen. Sie wurde meine Seelenfreundin und wir verbrachten viel Zeit miteinander. Ich liebte es, wenn sie Mia Geschichten erzählte, für sie Lieder sang und Mia vor Freude in meinem Bauch strampelte.

Die letzten Wochen waren besonders, immer seltener verschwand Mia in den Himmel. Sie bereitete sich auf ihren Weg auf die Erde vor. Tag für Tag erzählte ich ihr von der Welt, die draußen auf sie wartete. Ich fing an, ihr Töne aus meinem Herzen zu schicken – sie stärkten unsere Bindung nur noch mehr. Der Klang hüllte meine kleine Tochter in ein warmes Licht und machte sie satt und zufrieden. Gleichzeitig merkte ich, wie Mia sich ausbreitete und neugierig den Weg nach draußen suchte. Über die innere Kommunikation fragte ich sie, wie und wann sie denn geboren werden möchte. „Zuhause“, war ihre Antwort. Außerdem nannte sie mir ihren Geburtstermin. Also eine Hausgeburt! Im völligen Vertrauen trafen Anja, die Hebamme und ich die Vorbereitungen für die Geburt. Ich war nicht aufgeregt, hatte keine Angst vor Schmerzen, sondern eine tiefe Welle voller Liebe und Vertrauen durchströmte mich. Ich fühlte mich beschützt und ich vertraute, dass ich mich in die Arme der göttlichen Mutter fallen lassen kann, dann würde die Geburt das schönste und auch sinnlichste Erlebnis. Von Mia hatte ich schon so viel gehört über die große Mutter, das konnte nur gut werden! Als die Wehen dann endlich losgingen, fing ich an, bewusst zu atmen. Ich nahm die Wehen als Wellen wahr, über meinem Atem konnte ich in sie eintauchen und immer ein Stück tiefer gehen. Das war wunderbar und ich hatte das Gefühl, dass sich auch mein Körper bewegen wollte. Sofort fing ich an zu tanzen und legte die Musik auf, die mich in den letzten Schwangerschaftswochen immer wiederbegleitet hatte – der Mantrengesang von Tina Turner. Zwischendurch flüsterte ich Mia immer wieder zu: Bald halte dich in den Armen, deine Reise wird wunderbar. Ich freue mich auf dich. Dann tanzte ich weiter, ließ mich in die nächste Wehe fallen und trotz der Schmerzen kam ich in einen völligen Freudenrausch. Inzwischen waren auch Anja und die Hebamme eingetroffen – der Muttermund schon einige Zentimeter geöffnet. Die Wehen wurden stärker und ich wollte nicht mit ihnen kämpfen, obwohl sich mich auf den Boden drängten. Dann hörte ich eine Stimme in mir: Singe für mich. Und ich begann, mit den Wehen zusammen zu tönen. Es kamen Töne aus mir, die ich nicht kannte. Tief und dunkel und dann wieder ganz hell – sie wechselten sich ab. Es fühlte sich so an, als ob Himmel und Erde abwechselnd singen würden. In der letzten Phase der Geburt hatte ich mich für den schon vorbereiteten Geburtspool entschieden. Anja sagte mir, dass Wassernymphen die Geburtsbegleiterin der Kinderseelen sind. Wir haben sie ins Wasser eingeladen und diese kleinen Wesen verströmten sofort ihre Freude und Leichtigkeit. Die letzten Wehen, die meine Tochter nach draußen brachten, waren gewaltig. Sie ließen mich zu einer neuen Frau wachsen. Ich spürte meine Weiblichkeit – es wurden Urkräfte in mir frei, die ich in dieser Form noch nie kennengelernt hatte. Manchmal ließ ich mich gehen und dann schwamm ich wieder in Wellen des Schmerzes, die zur Lust wurden. Ein Gedanke schoss durch meinen Kopf: Meine Geburt ist der schönste Orgasmus, den ich je hatte. Dann konnte ich schon Mias Köpfchen sehen und ziemlich schnell kam auch ihr restlicher Körper nach draußen. Einen Moment überließ ich sie noch Erzengel Gabriel, der alle neugeborenen Kinder mit seinem hellblauen Licht segnet. Dann endlich konnte ich mein Baby in den Armen halten und legte sie auf mein Herz. Endlich zusammen! Nur noch Liebe, in mir und um und mich herum. Mein schönster Glücksmoment.

Anja und die Hebamme hätten Mia und ich gar nicht gebraucht, weil wir beide uns schon Monate vorher auf diesen besonderen Moment vorbereitet haben. Immer wieder hatte ich Mia erzählt, wie sie geboren wird. Trotzdem war ich natürlich froh über die Anwesenheit der beiden Frauen, sie haben mich wundervoll begleitet.

Und nun schaue ich selig auf meine kleine Mia, sie schläft ganz fest. Ich bin mir sicher, sie wird noch öfter mit ihrer Seele in den Himmel reisen. Vielleicht berichtet sie den Kinderseelen von dem Weg auf die Erde? Angst, dass sie oben bleibt, habe ich keine. Sie kennt ja den Weg und sie hat ihr Zuhause gefunden – davon bin ich überzeugt.

Über die Autorin Namiah Bauer

 

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